Proseminar: Entdeckung und Rechfertigung
Eine auf Hans Reichenbach (1938) zurückgehende Unterscheidung stellt den Kontext der Entdeckung und den Kontext der Rechtfertigung einander gegenüber. Die Gründe, die zur Entdeckung eines Sachverhalts führen, sind in den seltensten Fällen die Gründe, mit denen die einmal aufgestellte Hypothese, dass es sich so und so verhalte, gerechtfertigt wird. Die Unterscheidung der beiden Kontexte kann so verstanden werden, dass für wissenschaftstheoretische Fragestellungen, wie etwa nach Kriterien der Theorienbewertung, nur der Rechtfertigungskontext relevant ist. Der Entdeckungskontext hingegen wird nicht vom Wissenschaftstheoretiker oder Philosophen untersucht, sondern hauptsächlich von Historikern, Soziologen und Kognitionswissenschaftlern. Ohne Berücksichtigung der nachträglich angeführten rechtfertigenden Gründe versuchen diese die Bildung einer neuen Hypothese durch das wissenschaftliche, soziale und politische Umfeld der betreffenden Forscher, durch deren intellektuelle Fähigkeiten und psychologische Dispositionen zu erklären.
Im Proseminar werden wir eine Auswahl einschlägiger Texte lesen und diskutieren. Wir werden insbesondere den folgenden Fragen nachgehen:
- Aufgrund welcher Kriterien lässt sich wissenschaftliche Praxis in einen Entdeckungs- und einen Rechtfertigungskontext unterscheiden?
- Wie kommt es, dass die Gründe der Entdeckung und die rechtfertigenden Gründe in den seltensten Fällen gleich sind?
- Gibt es Situationen, wo sich die rechtfertigenden nicht von den Entdeckungsgründen unterscheiden lassen?
Die Bereitschaft, englische Texte zu lesen, wird vorausgesetzt.
Literatur:
- Reichenbach, H. (1938). Experience and Prediction. An Analysis of the Foundations and the Structure of Know ledge. The University of Chicago Press.
- Schickore, J. und F. Steinle (Hrsg.) (2006). Revisiting Discovery and Justification. Historical and philosophical perspectives on the context distinction, Volume 14 of Archimedes. New Studies in the History and Philosophy of Science and Technology. Springer.